Interview mit Dr. Arndt Dohmen: Handheld-Ultraschall auf Lesbos

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Dr. Arndt Dohmen ist aktuell als Arzt im Flüchtlingslager auf Lesbos tätig. Wir von Medizinio konnten zumindest unseren medizintechnischen Beitrag dazu leisten, indem wir Ihm ein Handheld-Ultraschallgerät zu vergünstigten Konditionen verkauft haben. Welche Erfahrungen er mit dem Gerät gemacht hat und wie er die medizinische Versorgung auf Lesbos beurteilt, das erfahren Sie hier.

Interview mit Dr. med. Arndt Dohmen: Handheld-Ultraschall im Flüchtlingslager auf Lesbos

Zur Person

  • Dr. med. Arndt Dohmen
  • 1950 geboren
  • Facharzt für Innere Medizin / Schwerpunkt Angiologie
  • ehemals Chefarzt Hochrhein-Klinik Bad Säckingen (Fachklinik für Gefäßerkrankungen)
  • ehemals ärztlicher Leiter des Interdisziplinären Gefäßzentrums Uniklinik Freiburg i. Br.
  • Pensioniert seit 01.01.2016
  • Medizinische Auslandseinsätze in Bolivien, Afghanistan, Bangladesch und Indien
  • Mitarbeit in der medizinischen Versorgung der Geflüchteten in Kara Tepe, Lesbos, von 12.01. bis 26.02.2021
  • Mitarbeit in der medizinischen Integration Geflüchteter in Freiburg i.Br. bei Refudocs Freiburg e.V. seit 2015
  • aktuell: Mitarbeit bei der medizinischen Versorgung im Flüchtlingslager auf Lesbos (10.01.2022 bis 25.02.2022)

 

Spendenkonto der NGO Medical Volunteers International

Herr Dr. med. Dohmen arbeitet eng mit der NGO Medical Volunteers International zusammen, um die medizinische Versorgung im Flüchtlingslager auf Lesbos zu gewährleisten. Wenn Sie deren Arbeit unterstützen möchten, dann können Sie an folgende Spendenadresse spenden:

Medical Volunteers International e.V.
IBAN DE08430609672076077900
BIC GENODEM1GLS
GLS BANK

 

Interview

Medizinio: Welches Ereignis hat bei Ihnen zu der Entscheidung geführt: “Ich möchte selbst aktiv werden und den Geflüchteten vor Ort helfen”

Dr. med. Arndt Dohmen: Seit vielen Jahren verfolge ich mit großer Sorge und Empörung die Nachrichten über den Umgang der europäischen Länder mit den Flüchtlingen, die aus existentieller Not heraus Kriegen und Hungersnot entfliehen müssen und sich die Chance für ein besseres Leben in Europa erhoffen. Statt diesen Menschen Asyl zu gewähren und so den geltenden Ansprüchen der europäischen Grundrechtecharta gerecht zu werden, lassen wir sie zu Tausenden im Mittelmeer ertrinken und behandeln sie an unseren Außengrenzen wie Verbrecher und Gefangene. Dagegen zumindest ein symbolisches Zeichen des Willkommens und der Hilfsbereitschaft zu setzen ist das Motiv für meine Einsätze in den griechischen Flüchtlingslagern.

Medizinio: Wie schnell haben Sie sich als ehemaliger Klinikleiter in Deutschland auf die medizinische Situation im Flüchtlingslager auf Lesbos angepasst? Gab es dort so etwas wie Routine oder war jeder Tag eine neue Herausforderung?

Dr. med. Arndt Dohmen: Schon zuvor habe ich medizinische Hilfseinsätze in Bangladesch und Indien mitgemacht. Darauf hatte ich mich vorbereitet in speziellen Einführungsseminaren der NGO „German Doctors e.V.“ und indem ich für einige Monate in einer pädiatrischen Praxis hospitiert habe, denn sehr viele der PatientInnen in solchen Sprechstunden sind Kinder, mit deren medizinischer Betreuung ich als Internist aber keine Erfahrung hatte. In der täglichen Arbeit vor Ort lernt man außerdem Teamarbeit und trifft schwierige Entscheidungen meist gemeinsam mit den anderen KollegInnen, die im Nachbarraum arbeiten und über unterschiedliche berufliche Expertise verfügen. Für sehr komplizierte Fälle nutze ich auch die interdisziplinären Netzwerke, die ich in Jahrzehnten ärztlicher Tätigkeit geknüpft habe und auf deren Rat über email-Anfragen ich bauen kann.

Ein Behandlungsraum im Flüchtlingslager auf Lesbos
So sieht ein Behandlungsraum im Flüchtlingslager auf Lesbos aus. Quelle: Dr. med. Arndt Dohmen

Medizinio: Wie beurteilen Sie die medizinische Versorgung im Flüchtlingslager auf Lesbos? Welche Medizingeräte stehen zur Verfügung und welche fehlen?

Dr. med. Arndt Dohmen: Die medizinische Versorgung im Camp wird überwiegend von verschiedenen NGO´s sichergestellt. Die Aufgabe der „Medical Volunteers International“, deren ehrenamtlicher Mitarbeiter ich bin, ist die Primary Care – Sprechstunde für Erwachsene und an Tagen ohne pädiatrisches Angebot (3x pro Woche) auch für Kinder. Im Lager verfügen wir nur über Stethoskop und Ohrenspiegel, darüber hinaus gibt es ein EKG-Gerät und ein Basislabor für einige wichtige Blutuntersuchungen, Urinuntersuchungen machen wir ausschließlich mit Stix. Für alle weiterführenden Untersuchungen müssen wir die PatientInnen in die 5 km entfernte Hauptstadt Mytilini schicken, dafür brauchen wir aber immer die Genehmigung eines Arztes des griechischen Gesundheitsamtes, der dafür im Lager ansprechbar ist. Wenn dieser Arzt die vorgeschlagene Untersuchung ablehnt, kann sie nicht durchgeführt werden, auch Überweisungen ins Krankenhaus funktionieren nur mit einer solchen Genehmigung.

Medizinio: Warum haben Sie sich für ein mobiles Handheld Ultraschallgerät entschieden?

Dr. med. Arndt Dohmen: Ultraschall ist unter den eingeschränkten Arbeitsbedingungen in einem Flüchtlingslager, in dem nicht einmal die Stromversorgung kontinuierlich gesichert ist, die ideale Bildgebung, um klinische Befunde weiter zu klären und Diagnosen abzusichern. So sind immer wieder wichtige therapeutische Entscheidungen möglich, außerdem überzeugen durch Ultraschall objektivierte Befunde die griechischen Amtsärzte meistens, den Vorschlägen zum weiteren diagnostischen und therapeutischen Vorgehen zuzustimmen. Unsere Behandlungsplätze in den Containern, in denen die Sprechstunde stattfindet, sind gleichzeitig so klein, dass wir dort nicht einmal über Schreibtische verfügen, also erst recht nicht mit größeren Ultraschallgeräten arbeiten können. Da bietet sich eben ein mobiles Handheldgerät, das ich jeden Tag im Rucksack an alle Einsatzorte mitnehmen kann, sehr an.

Medizinio: Welche Ultraschalluntersuchungen führen Sie auf Lesbos am häufigsten durch?

Dr. med. Arndt Dohmen: Die häufigste Indikation ist die abdominelle Sonographie. Ebenfalls oft indiziert ist gynäkologischer und geburtsthilflicher Ultraschall, diese Untersuchungen überlassen wir im Camp aber einer Frauenärztin, die an 2 Tagen in der Woche in einem der Nachbarcontainer arbeitet. Gar nicht selten untersuchen wir auch Schilddrüsen und nutzen die Sonographie zur differentialdiagnostischen Abklärung von Lymphknotenvergrößerungen und anderen  Raumforderungen im Bereich von Hals, Axilla und Leistenregion. Gelegentlich besteht auch der Bedarf für eine Echokardiographie, die ich selbst aber mangels eigener Erfahrung in dieser Technik nicht anbieten kann. Die Vielfältigkeit der Fragestellungen macht aber deutlich, dass ein Ultraschallgerät für verschiedene Untersuchungsregionen geeignet sein sollte, daher ist ein System mit mehreren Schallköpfen auch bei einem Handheld-Gerät sehr zu empfehlen.

Medizinio. Sie sind für einen Tag Bundeskanzler in Deutschland: Was würden Sie ändern, um die Situation der Geflüchteten zu verbessern?

Dr. med. Arndt Dohmen: Ich würde eine Politik in dem Geiste verfolgen, der die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel für wenige Wochen im Herbst 2015 geleitet hat. Da in Europa auf absehbare Zeit eine menschenrechtsfreundliche Flüchtlingspolitik mit Zustimmung aller 27 Länder nicht durchsetzbar ist, würde ich aus der jüngeren Geschichte lernen und eine Koalition der willigen Länder bilden, die bereit sind, Flüchtlinge aufzunehmen und nicht die ganze schwere Aufgabe den Ländern Griechenland, Italien und Spanien überlassen. Mit einer solchen Koalition, an der nicht alle Länder beteiligt sind, haben wir vor 20 Jahren den Euro eingeführt und diese Politik hat die EU nicht zerstört, sondern eher gekräftigt. Ich halte das für ein sehr realistisches Vorhaben, ob mir das aber als Bundeskanzler an einem Tag gelingen könnte, bezweifle ich natürlich sehr. Vielleicht sollten Sie mir für dieses Projekt ein paar Tage mehr zur Verfügung stellen.

Medizinio: Wir danken Ihnen sehr für dieses Interview und wünschen Ihnen weiterhin alles Gute!